Zwangsstörungen, Ticks, Phobien
10.07.2008, 19:34Verstoß melden
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Zwingende Ticks
Oliver Lanner
Neun Stunden duschen, Fugen an der Decke zählen: Menschen mit Zwangsstörungen denken und tun die absurdesten Sachen - und sie wissen das. Trotzdem sind sie wehrlos
Drei Stunden braucht Stefan oft für den Weg zur Arbeit - obwohl es nicht weit ist. Kaum hat er die Haustüre hinter sich zugeworfen, befällt ihn die Angst: Der Herd ist noch an, der Wasserhahn läuft oder die Tür ist nicht abgesperrt. Immer wieder legt Stefan den Rückwärtsgang ein. Weil er muss. Und er kontrolliert es zehn Mal, zwanzig Mal, immer wieder. Obwohl der 31-Jährige eigentlich weiß, dass alles in Ordnung ist. Oft denkt er: "Ich halte das nicht mehr aus." Was nach übertriebener Pedanterie klingt, ist eine krankhafte Zwangsstörung - Anankasmus heißt das Krankheitsbild unter Fachleuten.
Ein bis zwei Prozent der deutschen Bevölkerung leiden nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Zwangskrankheiten (DGZ) daran. Zwangskranke Menschen wissen sehr genau, dass ihre Gedanken und Handlungen völlig unsinnig sind. Aber folgen sie ihren Zwängen nicht, ergreift sie panische Angst. "Diese Störungen gehören zu den psychischen Erkrankungen mit dem höchsten Leidensdruck", erklärt Michael von Cranach, Psychiater an der Klinik in Kaufbeuren. Ein Anankasmus hat viele Gesichter. Es reicht von dem Verlangen, Frauen auf die Brust schauen zu müssen, bis zu dem permanent auftretenden Wunsch, seine Mitmenschen mit dem Messer zu erstechen. Immer wieder schießen die Gedanken in den Kopf, und die Betroffenen werden sie einfach nicht los.
Eine weitere Form sind konkrete Zwangshandlungen. Sabine zum Beispiel hat panische Angst, ihr Baby mit Bakterien zu infizieren. Jede Türklinke desinfiziert sie sofort nach dem Anfassen. Andere verspüren den inneren Druck, die Fugen an der Decke immer wieder nachzuzählen oder die Utensilien auf dem Schreibtisch symmetrisch mit dem Lineal zu ordnen. "Das kann die abstrusesten Formen annehmen", berichtet von Cranach. Eine seiner Patientinnen wasche sich täglich neun Stunden unter der Dusche. Eine weit über 60 Jahre alte Frau sehe seit Jahren vor dem Einschlafen alle zehn Minuten unter ihr Bett, ob sich ein Mann darunter befinde. Erst nach drei, vier Stunden sinke sie erschöpft in die Kissen.
Den Zwang mit Zwang bekämpfen
Wie es zu solchen Zwangsstörungen kommt, ist bislang nicht völlig geklärt. "Ein gehäuftes Auftreten in der Familie spricht für eine genetische Anfälligkeit", weiß von Cranach. Hinzu kämen negative Erfahrungen aus der Kindheit, zum Beispiel eine einengende elterliche Erziehung. Die Zwangskrankheit bricht oft bei seelischen Krisen aus, beispielsweise durch Prüfungsstress oder den Verlust von nahe stehenden Menschen. Die meisten erkranken im Alter zwischen 15 und 25 Jahren. Dabei muss nicht jeder Tick sofort eine Zwangskrankheit bedeuten. "Jeder Mensch hat irgendwelche, leichte Zwänge", betont von Cranach. Krankhaft werde es in dem Augenblick, wenn die Betroffenen nicht mehr gegen ihre Zwänge ankämpfen könnten und massiv darunter litten, so der Psychiater.
Behandeln lässt sich die Krankheit mittlerweile gut. Mit einer Verhaltenstherapie, Antidepressiva oder einer Kombination aus beidem. "Die Verhaltenstherapie konfrontiert die Menschen mit den Zwangsituationen, die sie dann bewusst unterdrücken müssen", erklärt von Cranach. Stefan beispielsweise dürfte nach dem Verlassen der Wohnung auf keinen Fall umkehren, um nach der Tür oder dem Herd zu sehen. Die Situationen werden wiederholt gedanklich durchgespielt und Verhaltensstrategien entwickelt. Die Betroffenen müssen sich zwingen, dem Zwang nicht zu folgen. Eine solche Therapie dauert mehrere Wochen. "Das ist unglaublich hart, weil das Gegenverhalten unvorstellbare Ängste und Schuldgefühle hervorruft", berichtet von Cranach. Dennoch trete nach der Therapie bei 50 bis 70 Prozent eine deutliche Besserung ein, bis hin zur Symptomfreiheit. Eine vollständige Heilung ist aber nicht zu erwarten. Bestimmte Krisensituationen können die Symptome wieder hervorrufen.
"Tyrannen der Familie"
Viele Zwangskranke wollen sich nicht behandeln lassen. Oft müssen sich die Angehörigen massiv an die Zwänge anpassen. "Das Umfeld muss sich komplett auf die Krankheit einrichten, und das über Jahre", erzählt der Psychiater. Er kenne einen Rentner, der jedes Türscharnier ölen musste. Seine Frau hängte sämtliche Wohnungstüren aus und er nahm sich die Türen der Nachbarschaft vor. "Das ist Jahrzehnte so gegangen", berichtet von Cranach. Erst als er die Türen einer Bankfiliale schmieren wollte, kam die Polizei - und der Rentner in Behandlung. Solche Menschen sind "Tyrannen der Familie", sagt Wolf Hartmann von der DGZ. Wenn sie ihre Zwänge nicht ausleben könnten, sei der nächste Familienkrach da, so Hartmann.
So weit will es Stefan jedenfalls nicht kommen lassen. Er denke ernsthaft über eine Therapie nach, wolle endlich ein normales Leben führen, schreibt er im Internet-Diskussionsforum der DGZ. Vor einer Therapie hat er trotzdem "höllische Angst."
Persönlich leide ich unter einer (zum Glück nicht wahnsinnig ausgeprägten) Bakterien-Phobie. Überall & zu jeder Zeit muss ich Gegenstände auch nach kürzester Benutzdauer desinfizieren, waschen, etc.
Abgesehen von der Zeit, die diese Vorgänge in Anspruch nehmen, kosten mich die Desinfektionsmittel auch einen nicht unerheblichen Teil meines Budgets, welches ziemlich gering ist.
Woher sie kommt??
*grübel*
Zwangsstörungen
Eine Person leidet unter Zwangsstörungen, wenn sich ihr wiederholt Gedanken und Handlungen aufdrängen, die sie zwar als unsinnig erkennt, gegen deren Auftreten sie sich aber nicht wehren kann. Wird diesem Zwang nicht nachgegeben, empfindet der Betroffene meist unerträgliche Anspannung.
Als Ursache für Zwangsstörungen wird das Zusammenspiel biologischer und psychologischer Faktoren angenommen: So scheint zum einen der Stoffwechsel bestimmter Botenstoffe des Gehirns gestört zu sein. Zum anderen können Zwänge als eine Form der Angstbewältigung angesehen werden, beispielsweise kann eine starke Angst vor Ansteckung mit einer Infektionskrankheit zu einem extremen Waschverhalten führen. Bei der Behandlung von Zwangsstörungen werden Psychopharmaka und psychotherapeutische Techniken eingesetzt, wie beispielsweise die Unterbindung der Zwangshandlung und Bewältigung der daraus folgenden Angst.
Zwangsstörungen: Definition
(Stand: 30. November 2007)
Unter der Bezeichnung "Zwangsstörungen" versteht man Vorstellungen und Handlungen, die sich einem Menschen aufdrängen. Obwohl diese Gedanken oder Handlungsimpulse von der betroffenen Person als unsinnig erkannt werden und sie versucht, Widerstand dagegen zu leisten, kann die Person sich nicht dagegen wehren, dass sie auftreten. Wird dem Zwang nicht nachgegeben, empfindet der Betroffene meist unerträgliche Angst.
Auch bei gesunden Menschen treten manchmal Verhaltensweisen auf, die einer Zwangsstörung ähneln. So kennt bestimmt jeder den Moment, in dem man das Haus verlässt und sich fragt, ob der Herd tatsächlich ausgeschaltet ist. Obwohl man weiß, dass man den Herd immer ausmacht, lässt einem dieser Gedanke keine Ruhe, sodass man vorsichtshalber doch in der Küche nachschaut. Ebenso gibt es viele Menschen, die ein großes Bedürfnis nach penibler Sauberkeit haben und es kaum ertragen können, wenn jemand ihre übliche Ordnung durcheinander bringt. Doch was diese Verhaltensweisen von der krankhaften Zwangsstörung unterscheidet ist, dass bei Zwangskranken der gesamte Alltag von Zwangshandlungen oder -gedanken beeinträchtigt wird. Es kann soweit kommen, dass der größte Teil des Tags mit Zwangshandlungen ausgefüllt ist. Allerdings ist es nicht möglich, eine scharfe Grenze zwischen normalem zwangsähnlichen Verhalten und krankhaften Zwangserscheinungen zu ziehen.
Häufigkeit
Lange Zeit wurde angenommen, dass nur wenige Menschen an einer Zwangsstörung leiden. Inzwischen geht man aber davon aus, dass bis zu 2,5 Prozent der Bevölkerung davon betroffen sind. Einzelne Zwangssymptome können bei ungefähr acht Prozent der Bevölkerung festgestellt werden. Die Krankheit beginnt häufig in einem Alter von 20 bis 25 Jahren, aber auch ein späterer Beginn oder ein erstes Auftreten in der Kindheit sind möglich. Männer und Frauen erkranken etwa gleich häufig an einer Zwangsstörung.
Zwangsstörungen: Ursachen
(Stand: 30. November 2007)
Zwangsstörungen entstehen wahrscheinlich durch ein Zusammenwirken von organischen und psychologischen Faktoren. Außerdem treten Zwangserscheinungen häufig im Zusammenhang mit depressiven Störungen, Ängsten, Alkoholmissbrauch und Essstörungen auf.
Neurobiologische Befunde
Mithilfe von Verfahren, die es ermöglichen, Hirnfunktionen zu untersuchen, wurde festgestellt, dass Zwangsstörungen im Zusammenhang mit Störungen in der Funktion bestimmter Hirnregionen (Basalganglien, limbisches System und Frontalhirn) stehen. Im Zusammenwirken dieser Hirnstrukturen spielt der Botenstoff Serotonin, der an der Impulskontrolle beteiligt ist, eine wichtige Rolle. Erhielten Personen, die unter Zwangsstörungen leiden, Medikamente, welche die Wiederaufnahme von Serotonin hemmen, trat bei ihnen eine Besserung ein. Ähnliche Erfolge hatte es auch, wenn die Verbindung zwischen zwei der beteiligten Hirnregionen (Basalganglien und Frontalhirn) chirurgisch unterbrochen wurde. Diese Behandlungsmethode wird bei Zwangsstörungen allerdings nur noch eingesetzt, wenn andere Methoden erfolglos bleiben. Die Befunde sprechen dafür, dass es eine biologisch bedingte Anfälligkeit für Zwangsstörungen gibt. Diese Annahme wird auch von genetischen Untersuchungen unterstützt, die zeigen, dass, je näher der Verwandtschaftsgrad einer Person zu einem Erkrankten ist, die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls an einer Zwangsstörung zu erkranken, auch steigt. Allerdings können neurobiologische Theorien allein nicht das Auftreten von Zwangsstörungen erklären. So tritt beispielsweise bei 20 bis 40 Prozent der Betroffenen, die mit den oben erwähnten Medikamenten behandelt werden, keine Besserung ein, was dafür spricht, dass noch andere Faktoren an der Entstehung von Zwangserkrankungen beteiligt sind.
Psychoanalytische Erklärungsmodelle
(Stand: 30. November 2007)
Von der Psychoanalytik wird angenommen, dass bei Zwangskranken eine Fixierung auf die anale Phase vorliegt. Mit analer Phase wird eine von Freud beschriebene Entwicklungsstufe des Kinds (etwa im zweiten oder dritten Lebensjahr) bezeichnet. In dieser Zeit erlangt das Kind die willkürliche Beherrschung des Schließmuskels, die Ausscheidung erlebt es als lustvoll. In diese Phase fällt auch die Sauberkeitserziehung. Dabei muss das Kind lernen, wie es Befriedigung aufschieben und Kontrolle über triebhafte Bedürfnisse gewinnen kann. Erfährt das Kind auf dieser Stufe nicht genug Befriedigung, beispielsweise aufgrund einer sehr strengen Sauberkeitserziehung durch die Eltern, kann es zu einer Fixierung auf der analen Entwicklungsstufe kommen. Freud geht davon aus, dass in diesem Fall der Erkrankte, zumindest unbewusst, auch später noch mit den unbefriedigten Bedürfnissen aus der analen Phase (z.B. mit dem Wunsch, mit dem eigenen Kot zu spielen) zu kämpfen hat. Da die Befriedigung dieser Bedürfnisse aber nicht zugelassen wird, treten Abwehrmechanismen auf, um diese Bedürfnisse zu unterdrücken. Auf diese Weise kann sich der eigentliche Wunsch (z.B. nach Beschmutzung) in das genaue Gegenteil, wie beispielsweise penible Sauberkeit, umkehren.
Lerntheoretische Aspekte
Die Lerntheorie geht davon aus, dass eine Beziehung zwischen Zwängen und Angst besteht. So wird die Entstehung von Zwangsstörungen als eine Form der Angstbewältigung angesehen. Leidet etwa eine Person an der krankhaften Angst, sich zu beschmutzen oder durch das Anfassen schmutziger Gegenstände eine ansteckende Krankheit zu bekommen, wird sie diese Angst bewältigen, indem sie sich die Hände wäscht. Durch diese Handlung wird die Angst reduziert, und die Handlung wird wiederholt, weil dadurch vermieden werden kann, das die Angst erneut auftritt. Auf diese Weise tritt die Zwangshandlung an die Stelle der Angst.
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