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Willenspfeil 971 Beiträge

Große Gedichte

Die vollkommenste aller Dichtungen ist die reimende Versdichtung- sie vereint im Idealfall den Inhalt und die Form zu einem vollkommenen Ganzen. Die Kunst dabei besteht darin, mit möglichst wenig Worten möglichst viel an Aussagekraft zu erreichen. Gerade die verbale Sparsamkeit und die gekonnte Komposition bewirken eine Sinnfülle, die sich scheinbar nicht mit Tausend Worten ausgedrücken ließe- weil die von Bestimmung und Auslassung geprägte Gestalt immer neue Facetten offenbart und auf diese Weise zeitlose Gültigkeit genießt.

Ich würde gerne von euch wissen, welche Gedichte aus eurer Sicht ernsthaft das Epitheton "groß" verdient haben. Es wäre schön, wenn wir uns gegenseitig durch solche Gedichte bereichern würden und als kleiner Nebeneffekt eine lesenswerte Sammlung an schönen, großen, wahren Gedichten schaffen würden. :-) Nun habe ich wohl doch etwas zu weit in die Höhe gegriffen- da erstarrt man ja gerade in kontemplativer Haltung. Nein, bitte, schreibt! Schreibt, was euch jemals beeindruckt hat und was ihr gerne mit mir und anderen teilen würdet. Auch Ausschnitte aus größeren Werken sind herzlich erwünscht!

09.09.2008, 11:16Verstoß melden

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macwallaby Persönliche Nachricht schicken | 5297 Beiträge

Albrecht Haushofer

Der sonnige Duft, Septemberluft,
sie wehten ein Mücklein mir aufs Buch,
das suchte sich die Ruhegruft
und fern vom Wald sein Leichentuch.
Vier Flügelein von Seiden fein
trug`s auf dem Rücken zart,
drin man im Regenbogenschein
spielendes Licht gewahrt!
Hellgrün das schlanke Leibchen war,
hellgrün der Füsschen dreifach Paar,
und auf dem Köpfchen wundersam
sass ein Federbüschchen stramm;
die Äuglein wie ein goldnes Erz
glänzten mir in das tiefste Herz.
Dies zierliche und manierliche Wesen
hatt` sich zu Gruft und Leichentuch
das glänzende Paper erlesen,
darin ich las, ein dichterliches Buch;
so liess den Band ich aufgeschlagen
und sah erstaunt dem Sterben zu,
wie langsam, langsam ohne Klagen
das Tierlein kam zu seiner Ruh.
Drei Tage ging es müd und matt
umher auf dem Papier;
die Flüglein von Seide fein,
sie glänzten alle viere.

macwallaby Persönliche Nachricht schicken | 5297 Beiträge

Korrektur 12.51
Die kleine Passion
von Gottfried Keller


Albrecht Haushofer
Die Mücke

Ein leisestes Gesurr. Auf meine Hand
sinkt flügelschwirrend eine Mücke nieder,
ein Hauch von einem Leib, sechs zarte Glieder -
wo kam sie her aus winterlichem Land ?

Ein Rüssel ... schlag ich zu ? Missgönn ich ihr den Tropfen Blut, der solches Wesen nährt ?
Den leichten Schmerz, den mir der Stich gewährt ?
Sie handelt, wie sie muss. Bin ich ein Tier ?

So stich nur zu, du kleine Flügelseele,
solang mein Blutgefäss dich nähren mag,
solang du sorgst um deinen kurzen Tag !

Stich zu, dass es dir nicht an Kräften fehle !
Wir sind ja beide, Mensch und Mücke, nichts
als kleine Schatten eines grossen Lichts.

SiegPdwjwski Persönliche Nachricht schicken | 1415 Beiträge

Fremdes weht von allen Enden der Welt her und der Geist der Liebe und Freundschaft nur von einer.

(Johann Wolfgang von Goethe)

macwallaby Persönliche Nachricht schicken | 5297 Beiträge

Wer zu streng mit anderen ist,
der ist auch zu streng mit sich selbst.

Mr Stringer

SiegPdwjwski Persönliche Nachricht schicken | 1415 Beiträge

JEMANDEN LIEBEN

Dich zu lieben, besteht nicht darin,
dieselben Gedanken zu haben
oder zu sein
wie du.

Dich zu lieben heißt,
Dich du selbst sein zu lassen,
und diese Offenbarung von dir
mit dem Verhaltensmuster von mir
in Harmonie bleiben zu lassen.

Licht und Schatten,
Tag und Nacht,
rechts und links
auf ihre Weise einander brauchen,
sich auszudrücken…
kann, dich zu lieben,
kostbare Ehrerbietung für unsere
Verschiedenheit sein.

Das bedeutet es zu lieben.

(Dorothy Pierson)

karlmay Persönliche Nachricht schicken | 189 Beiträge

Im Alter.

Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn.
Die Blätter fallen rings umher;
Wie lange, Herr, soll ich noch stehn?
Ich bin nur ein bescheiden Gras,
Doch eine Aehre trag auch ich,
Und ob die Sonne mich vergaß,
Ich wuchs in Dankbarkeit für dich.

Ich bin so müd, so herbstesschwer
Und möcht am liebsten scheiden gehn,
Doch, brauche ich der Reife mehr,
So laß mich, Herr, noch länger stehn.
Ich will, wenn sich der Schnitter naht
Und sammelt Menschengarben ein,
Nicht unreif zu der Weitersaat
Für dich und deinen Himmel sein.

(Karl May)

karlmay Persönliche Nachricht schicken | 189 Beiträge

Kennst du die Nacht?

Kennst du die Nacht, die auf die Erde sinkt
Bei hohlem Wind und scheuem Regenfall,
Die Nacht, in der kein Stern am Himmel blinkt,
Kein Aug durchdringt des Nebels dichten Wall?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen
O lege dich zur Ruhe und sei ohne Sorgen!

Kennst du die Nacht, die auf das Leben sinkt,
Wenn dich der Tod aufs letzte Lager streckt
Und nah der Ruf der Ewigkeit erklingt,
Daß dir der Puls in allen Adern schreckt?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen
O lege dich zur Ruhe und sei ohne Sorgen!

Kennst du die Nacht, die auf den Geist dir sinkt,
Daß er vergebens um Erlösung schreit,
Die schlangengleich sich ums Gedächtniß schlingt
Und tausend Teufel ins Gehirn dir speit?
O sei vor ihr ja stets in wachen Sorgen,
Denn diese Nacht allein hat keinen Morgen!

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